Hör auf zu denken

Das klingt nach dem schlechtesten Ratschlag, den du je bekommen hast. Ist es aber nicht. Es geht nicht darum, gar nicht zu denken. Es geht darum, deinen Kopf kurz freizubekommen. Nichts nachzuschauen. Nichts zu prompten. Aufzuhören, damit du anfangen kannst.

Du kennst das. Neues Projekt, leeres Dokument, Cursor blinkt. Also machst du, was alle machen. Prompt rein. Drei Referenzen gegoogelt. Wettbewerb angeschaut. Nochmal in den Prompt geschaut.

Und plötzlich drehst du dich im Kreis. Nicht weil du keine Ideen hast. Sondern weil alle deine Ideen irgendwie nach dem aussehen, was du gerade gesehen hast. Die Referenz klebt in deinem Kopf. Der Prompt auch. Du merkst es nicht mal. Du hältst es für Arbeit.

Das ist kein Versagen. Das ist menschlich. Unser Kopf sucht Muster, Orientierung, Anker. Er will wissen, in welche Richtung er denken soll. Und wenn wir ihm zu früh zu viele Anhaltspunkte geben, beißt er sich daran fest. Fest genug, dass nichts Neues mehr reinkommt. Er sitzt brav in seinem selbstgebauten Käfig und nennt es Konzentration.

Die gute Nachricht: Du kannst das ändern. Aber nicht mit mehr Struktur. Sondern mit weniger.

Dein Quatschkopf ist unterbewertet.

Du warst bestimmt schon mal mit Freunden unterwegs, einer hatte eine halbgare Idee und plötzlich ist die Unterhaltung explodiert. Einer spinnt weiter, der andere noch weiter, jemand sagt etwas komplett Bescheuertes, alle lachen, und aus dem Bescheuerten kommt plötzlich etwas, das sich verdammt richtig anfühlt. Eine Idee, auf die niemand gekommen wäre, wenn ihr versucht hättet sie logisch herzuleiten.

Das wäre auch nicht passiert, wenn ihr den ersten Gedanken in eine KI eingegeben hättet, um darauf aufzubauen. Dann würde sich alles um diesen ersten Gedanken drehen. Strukturiert, geordnet, sauber und vollkommen vorhersehbar.

Freies Denken ist keine Verschwendung von Zeit. Es ist die einzige Methode, die garantiert, dass am Ende etwas rauskommt, das nach dir klingt. Denk ein Projekt laut durch. Schreib auf, was dir als erstes einfällt, auch wenn es Quatsch ist. Besonders wenn es Quatsch ist. Lass den Gedanken ausarten, absurd werden, irgendwo hinführen, wo du nie hinwolltest. Und dann schau, was darin steckt.

Die beste Idee versteckt sich oft genau dort. Im Blödsinn. Ganz hinten links.

Frag dich: Was ist die absurdeste Version meiner Idee und was steckt da für Potenzial drin?

Du bist geframt. Sh#t.

Es gibt einen Moment, der fast immer unbemerkt passiert. Du hast das Briefing gelesen, die erste Idee ist im Kopf und ab da filtert dein Gehirn alles durch diese eine Idee. Jeder neue Gedanke wird unbewusst daran gemessen. Passt er? Gut. Passt er nicht? Weg damit. Du glaubst, du denkst noch frei. In Wirklichkeit sitzt du längst in einem sehr ordentlichen, sehr engen Raum und hast die Tür selbst zugemacht.

Das Problem ist nicht, dass du zu wenig denkst. Das Problem ist, dass du zu früh zu eng denkst. Du bist bereits geframt, bevor du auch nur einen Strich gemacht hast.

Beispiel: Stell dir vor, du sollst einen Werbeslogan für eine neue Kaffeemarke entwickeln. Noch bevor du auch nur einen Gedanken zu Ende gedacht hast, googelst du „beste Kaffee-Kampagnen". Jetzt hast du zwölf Tabs offen. Berge. Morgenlicht. Ein bärtiger Mann mit Tasse. „Für die, die mehr wollen." Dein Kopf nickt. Macht Sinn. Und ab diesem Moment sieht jede Idee, die du entwickelst, aus wie eine schlechtere Version von dem, was du gerade gesehen hast. Du arbeitest nicht mehr. Du variierst nur noch.

Frag dich: Wie würde ich an die Aufgabe gehen, wenn ich das Briefing noch nicht gelesen hätte?

Dein Kopf. Deine Regeln.

Alle anderen haben gerade den Browser geöffnet. Denselben Prompt eingegeben. Dieselben Referenzen gegoogelt. Du weißt jetzt, was dabei rauskommt.

Also mach es anders. Bevor der erste Tab geöffnet, der erste Prompt eingegeben, die erste Referenz gegoogelt wird, mach den Kopf frei. Lass den Quatschkopf ran. Hör kurz auf, so verdammt vernünftig zu sein.

Die Idee, die niemand sonst hat, kommt von dir. Aber nur, wenn du sie lässt.

Prompt aus. Kopf an.

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Tobi Neutzling